Vor zwei Jahren habe ich mit einer sehr guten Freundin telefoniert. Wie ich, ist sie berufstätig, hat zwei Kinder und fühlt sich immer etwas zwischen den Stühlen „Kinder“ und „Job“. Und nicht zum ersten Mal haben wir darüber diskutiert und philosophiert, wie es möglich ist, die Hektik zwischen diesen Stühlen raus zu nehmen? Wieder mehr das Gefühl zu haben zu leben und nicht immer nur „auf dem Sprung“ zwischen A und B zu sein?

Zu einer globalen Lösung sind wir nicht gekommen, denn jede Familie ist auf ihre Art und Weise ja ein ganz eigener kleiner Kosmos. Mit individuellen Regeln, Werten, Überzeugungen und einer persönlichen Sicht auf die Welt und das gemeinsame Miteinander.

Doch mich persönlich hat die Frage beschäftigt. So sehr, dass ich mich auf die Suche nach einer Antwort gemacht habe. Nicht für die Welt und für alle, sondern nur für uns und unseren kleinen Familienkosmos.

Mein Aha-Moment

Als arbeitende Mutter mit zwei Kindern ist der Alltag manchmal einfach der Wahnsinn und der Wunsch nach Entschleunigung und Ruhe groß. Denn Hektik gibt es genug. Sei es morgens beim fertig machen oder bei der Hetze ins Büro, wo der volle Schreibtisch wartet. An den vielen verplanten Wochenenden. Im Verkehrschaos auf dem Weg zurück in den Kindergarten. Oder bei der anschließenden Antreiberei, um die Kinder zur Nachmittagsverabredung mit dem Kitakumpel oder zum Fußballtraining zu bugsieren.

Gefühlt ein Leben im Hamsterrad, ohne Durchschnaufen, ohne Pause.

Doch Anfang letzten Jahres kam er dann – mein persönlicher „Aha-Moment“ und damit die Antwort auf meine Frage. Zugegebenermaßen war das ein Prozess, der vor allem meinen Großen einiges an Überzeugungsarbeit gekostet hat, denn er hat bis dahin mehr als einmal zu mir gesagt: „Immer sagst Du später, später und nie jetzt!“.

Und irgendwann hat dieser so simple Satz klick gemacht und ich habe mir innerlich gedacht: „Da hat er wirklich recht und eigentlich kann das nicht sein“. Warum auch am Nachmittag und am Wochenende hetzen? Das ist doch die gemeinsame Familienzeit. Die Zeit in der wir alle nach einem langen Tag im Büro oder Kindergarten doch das tun sollten, worauf wir spontan Lust haben, anstatt uns die zweite Tageshälfte auch noch mit Terminen voll zu stopfen?

Unser entschleunigter Familienkosmos

Seit dieser Erkenntnis läuft vieles einfacher in unserem Familienkosmos. Wir planen nicht mehr so viel und nehmen uns weniger an den Nachmittagen vor. Stattdessen lassen wir uns treiben. Gehen in die Eisdiele oder auch nicht. Statten dem Spielplatz einen Besuch ab, oder auch nicht.  Das Fußballtraining fällt auch mal für einen Tag am See aus. Und der eigentlich nur 10-minütige Heimweg vom Kindergarten nach Hause dauert jetzt auch mal eine Stunde, weil wir kurz entschlossen einen anderen Rückweg nehmen, auf dem jeder von uns etwas Neues entdeckt.

Nachmittags nach dem Kindergarten sind wir viel mehr zu Hause und mittlerweile kommen auch häufiger die Kinder aus der Nachbarschaft zum Spielen vorbei und toben gemeinsam mit unseren durch den Garten. Genauso wie früher, in meiner Kindheit. Als es noch keine Smartphones oder WhatsApp gab und man einfach bei den Freunden vorbei gegangen ist, ohne sich wochenlang vorher zu verabreden.

Auch für uns Eltern hat das sein Schönes. Denn so oft wie in diesem und letztem Sommern haben wir schon lange nicht mehr spontan mit den Eltern der anderen Kinder zu Abend gegessen. Ganz unkompliziert und im „Potluck-Style“ – jeder steuert was bei und alles zusammen gewürfelt ergibt ein fantastisches Abendessen in gemütlich-lustiger Runde.

Morgens stellen wir hin und wieder den Wecker früher und lesen zum Frühstück eine Geschichte. So fühlt sich der Start in den Tag gleich gemütlicher an. Und die Wochenenden planen wir auch mal bewusst nur für uns als Familie ein – bleiben dann länger im Bett liegen, lesen ein Buch nach dem anderen, hören Hörspiel und verlegen den Wochenendeinkauf auf den Nachmittag. Ganz egal, ob dann noch alles zu haben ist oder nicht. Schließlich gehen Spaghetti mit Tomatensoße doch immer, oder?

Und irgendwie ist dieser „Flow-Mode“ sogar im Urlaub angekommen. Städtetrips mit kleinen Kindern sind einfach anstrengend, finde ich. Und gemütliches Flanieren durch Gässchen und stundenlanges Sitzen in Straßencafés mit Kindern im Alter zwischen 2 und 6 ist sowieso ein Ding der Unmöglichkeit. Zumindest bei uns. Deswegen doch besser das tun, was allen Spaß macht.

Und ich für meinen Teil kann nur sagen, dass Kinder da häufig ganz großartige Ideen haben. Eines meiner persönlichen Highlights hatte ich in unserem Schwedenurlaub. Als wir mit selbst gebastelten Angeln aus Wäscheklammern, Schnüren und Muscheln als Ködern, Krebse geangelt haben.

Ganz ehrlich, ich hätte nie gedacht, dass ich mich selber stundenlang auf einen Steg legen und mich wie ein Kind darüber freuen kann, wenn ein Krebs an meiner Angel anbeißt, den ich dann stolz und mit Siegesjubel aus dem Wasser ziehen kann.

Ein großartiges Erfolgserlebnis kann ich nur sagen. Bei dem auch mein – manchmal noch sehr kindliches Gemüt – voll auf seine Kosten gekommen ist.

Kinder inspirieren mehr als so manch ein Achtsamkeitskurs

Unser Leben mit Job und Kindern braucht Zeit und Fokus. Mehr leben im jetzt und weniger im später. Mehr „einfach mal laufen lassen“ statt „Du musst jetzt aber, weil…“. Weniger Ernst, dafür mehr Spaß und Lachen – auch über sich selbst, das ist wichtig.

Und zurück bekommt man dafür ganz wunderbare Geschenke: viele unvergessliche, innige, spontane, lustige und nahe Momente, die ich so nie erlebt hätte, wenn ich einfach weiter immer nur von A nach B gehetzt wäre.

Manchmal braucht es eben gar keinen Achtsamkeitskurs. Manchmal lohnt es sich einfach nur, seinem Kind zuzuhören und über das nachzudenken, was es sagt und meint. Denn ich habe die Erfahrung gemacht, dass Kinder manchmal die besseren Inspiratoren und Lehrer sind.

Danke, mein Großer!

 


Mit diesem Beitrag nehme ich am scoyo ELTERN! Award 2017 teil. Wünscht mir Glück!


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4 thoughts on “Unser Familienkosmos – mehr im jetzt und weniger im später”

  1. Ein schöner Artikel und mit Liebe geschrieben. Ja, die Erfahrung, dass Kinder wirklich tolle Ratgeber sein können, habe ich auch schon gemacht 😄.

    Winke, winke und viele Grüße ✋🏻

    1. Liebe Sabrine,

      vielen Dank für den schönen Kommentar.

      Ich wünsche Dir eine sonnigen Tag,
      Steffi

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