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Seit längerem folge ich schon dem Profil der lieben Anja von Leben ist ansteckend und ich war vom ersten Moment an ganz angetan von ihrer herzlichen und natürlichen Art. Auf ihrem Blog geht es rund um Achtsamkeit, denn nach der Diagnose „schwere Depression“ vor einigen Jahren, hat sie angefangen, sich diesen Themen ganz intensiv zu widmen. Und mehr darüber lest Ihr am besten selber in folgendem Interview.

1. Was bedeutet für Dich ‚Slow Lifestyle‘?

Ich finde es schön, dass Du fragst, was es für MICH bedeutet – denn meiner Meinung nach gibt da nicht DIE EINE Wunderformel…

Bei mir ist es zum Beispiel so, dass ich immer öfter von „Multitasking“ auf „Monotasking“ wechsle. Versuche, eine Sache nach der anderen zu machen. Und das, was gerade dran ist, auch wirklich & bewusst zu er-leben. Mitzukriegen, was da gerade passiert… Sprich: Wenn ich einen Balkonkasten bepflanze und meine Hände in der feuchten Erde graben, dann BIN ich DA. Und schreibe in Gedanken nicht schon die Todo-Liste für den nächsten Tag oder ärgere mich über den blöden Spruch eines Kollegen gestern 😉 Die Feuchtigkeit an den Händen spüren. Die Erde riechen. Dieses warme Glücks-Gefühl, welches während der Tätigkeit meinen Körper durchströmt…… so zu leben, verlangsamt automatisch 😉

  

2. Du hast nicht immer als Achtsamkeitstrainerin gearbeitet? Was hat Dich dazu bewogen, beruflichen diesen neuen Weg zu beschreiten?

Stimmt. Ich hatte nach dem Abi ziemlich ehrgeizige Pläne, habe BWL und Germanistik studiert (und abgeschlossen ;-)), um dann in die Wirtschaft zu gehen. Ich wollte meine Frau stehen… und das habe ich dann auch gemacht und viele Jahre im Bereich Marketing gearbeitet. Mein Leben war schnell, bunt und voll… bis im Oktober 2014 mein Körper nicht mehr wollte. Ich brach zusammen. Diagnose „schwere Depression“…

Und ja, eine solche Krise macht etwas mit Dir. Aus heutiger Sicht würde ich sagen, ich habe eine zweite Chance auf Leben bekommen. Und die „Achtsamkeit“ war es, die mich neben Therapie und Medikamenten aus der Depression hinaus behutsam in ein neues, ein anderes Leben begleitet hat – und auch heute dafür sorgt, dass ich mich gut behandle und gesund bleibe!

… und ja, aus dieser ganz eigenen Geschichte heraus formte sich mehr und mehr der Herzenswunsch, auch anderen Menschen Erfahrungen mit dem Thema Achtsamkeit zu ermöglichen. Tja, und so kam es tatsächlich, dass ich 2015 eine anderthalbjährige Ausbildung zur Achtsamkeitstrainerin begann 😉

3. Achtsamkeit ist ein vielbeschriebener Begriff. Was bedeutet Achtsamkeit für Dich?

Oh ja, da hast Du recht… und es gibt ganz wunderbare Worte von wunderbaren Menschen dazu… Aber ich finde, wir können noch so viel darüber sprechen, lesen, schreiben – es zu (er)leben, selbst diese Erfahrung zu machen, ist das Wunderbare. Denn stell Dir vor, Du lebst tatsächlich bewusst im Moment und nicht da, wo Deine vielen Gedanken Dich andauernd hinschleppen – und das ganz ohne Wertung & ohne Vergleich. In tiefem Vertrauen auf das Leben, welches sich von Augenblick zu Augenblick entfalten darf…

4. Wie gelingt es Dir, Dir im Alltag ruhige und achtsame Momente für Dich zu schaffen?


Achtsamkeit im Alltag ist für mich ein wesentlicher Bestandteil der Praxis und ich nutze dafür oft auch die Zeit, die unser Alltag uns „schenkt“. Wie ich das meine? Nun, an der roten Ampel zum Beispiel…. Ich warte da sowieso. Also kann ich auch kurz innehalten, mich mit meinem Atem verbinden [denn der ist unser Anker, der holt uns sofort ins Hier & Jetzt] und mal reinspüren, wie es mir eigentlich gerade geht. Und vielleicht merke ich, dass mir heiß wird, dass da Wut hochkommt und Gedanken sind wie: „WARUM IST DIESE AMPEL IMMER ROT, WENN ICH DA RAN FAHRE???!!! WARUM??? NUR BEI MIR IST DIE IMMER ROT!! IMMER!!“…

Das alles in dem Moment bewusst wahrzunehmen, ist der Schlüssel… denn es hilft mir, mich eben dann nicht von diesem Ärger und von diesen Gedanken überrennen zu lassen, sondern selbstbestimmt eine Entscheidung zu treffen, wie ich agieren möchte. Und tatsächlich gab es schon Ampelsituationen, in denen ich angefangen habe laut zu lachen – eben als mir klar wurde, dass ich da wegen einer Ampel-Farbe dabei war, völlig abzudrehen 😉

5. Wir haben gefühlt immer zu wenig Zeit, was würdest Du den Lesern raten, um mit ihrem ganz persönlichen ‚Slow Lifestyle‘ zu beginnen?


Oh, eine sehr sehr spannende Frage… Meiner Meinung nach geht es darum, sich Zeit zu nehmen, um wieder zu lernen, sich Zeit zu nehmen. Und da liegt die große Herausforderung: Wir haben ja eh schon so wenig Zeit und dann sollen wir uns davon nochmal etwas abknapsen????

Ich sage JA! Weil es Dein Leben verändert… 😉

 

6. Hast Du ein Lieblingszitat, dass Dich in Deinem Leben begleitet? Und wenn ja, warum?


Eher nicht… Aber es gibt eine Wortkreation meines kleinen Sohnes, die mir unendlich viel bedeutet, mich begleitet und irgendwie auch ganz gut beschreibt, wie wir als Familie leben:

„Momentlichkeit“

Mit diesem wunderschönen Wortkreation, die es verdient hat in den Duden aufgenommen zu werden, endet das Interview mit Anja. Herzlichen Dank, das Du Dir Zeit dafür genommen hast und uns einen Einblick in Dein Denken und Handeln geschenkt hast.